Wunschkonzerte

„Hat Lucas jetzt einen Platz im Tenniskurs bekommen oder nicht?“, fragt Heinrich seine Frau Marlene etwas forsch. – „Was heißt Platz bekommen? Wenn du glaubst, dass dein Sohn schon mit fünf zum Tennisstar gedrillt werden soll, dann musst du dich schon selber darum kümmern!“, verteidigt sich Marlene. – „Aha, für das Rumgehopse mit Tamburin und Glockenspiel ist dir jede Mühe recht. Für echten Sport hast du wohl nichts übrig.“, stichelt Heinrich zurück. Darauf Marlene: „Für Sport schon – also für Bewegung in der Natur – aber sicher nicht für den Leistungsdruck, der in deiner Familie offensichtlich dazugehört! Schau dir nur deine Nichten an. Bezirksmeister mit neun Jahren. Das ist wieder eine Vorgabe für dich.“

Solche hitzigen Dialoge können aus einer Lappalie entstehen, wenn zwischen den Ehepartnern wichtige Überzeugungen, Wunschvorstellungen oder auch Ängste nie wirklich ausgesprochen oder nur indirekt kommuniziert wurden. Heinrich hat vielleicht bis jetzt nur zur Kenntnis genommen, dass sein Sohn an musikalischer Früherziehung teilnimmt, seiner Frau aber nie mitgeteilt,dass er das entweder nicht richtig findet oder dass ihm das Tennisspielen zumindest genauso wichtig wäre. Ebenso könnte es sein, dass Marlene ihre Bedenken zum Leistungsdruck nur in Form von spitzenBemerkungen über die Schwiegerfamilie oder durch den stillen Boykott des Anmeldens zum Ausdruck gebracht hat. Solche unausgesprochenen Gedanken entladen sich dann in unpassenden Situationen auf unangebrachte Weise, wenn nicht vorher der Dialog gesucht wird.

Der erste Schritt in Richtung Dialog ist jedoch die Selbstreflexion. Jeder trägt vielleicht schon lange vor der Geburt seines ersten Kindes verschiedene Wunschträume für „sein“ Kind mit sich, auf die man genauer hinschauen sollte. Hilfreiche Fragen könnten sein: Was genau wünsche ich für mein Kind? Warum ist mir das wichtig? Was erwarte ich mir für mein Kind? Manchmal haben Wünsche für das Kind auch ein Stück weit damit zu tun, was man sich für sich selbst erträumt hätte, aber nie bekommen oder erreicht hat. Das muss deshalb für das eigene Kind noch nicht schlecht sein, aber es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Eine grundsätzliche Frage an sich selbst könnte sein: Geht es mir um das Wohl und die positive Entwicklung des jeweiligen Kindes oder um die Verwirklichung meiner Vorstellungen, die vielleicht nicht zu meinem Kind passen? Die Gewohnheiten und Traditionen der Herkunftsfamilie können ebenfalls unbewusst Triebfeder für nicht diskutierbare Standpunkte sein, die dann zu ehelichen Reibereien führen.

Heinrich sollte sich fragen, ob er selbst möglicherweise tatsächlich vomfamiliärem „Erfolgsdruck“ geleitet wird und seinen Sohn da hineinzieht. Andererseits könnte es sich bei Marlenes Bemerkung auch um den Ausdruck ihrer Eifersucht gegen die „erfolgreiche“ Schwägerin handeln. Wichtig ist einfach nur, dass man seinen Unmut, seine Ängste, genauso wie seine Wünsche reflektiert. Je offener, ehrlicher und reflektierter jeder Ehepartner in entspannter Atmosphäre seine Gedanken und Vorstellungen in den Raum stellen kann, ohne dass sie vom anderen sofort bewertet werden, desto eher wird ein gemeinsamer Konsens zum Wohl der Kinder und der gesamten Familie gefunden werden können.

Dr. Alexandra Schwarz ist Eltern- und Erziehungsberaterin,
Moderatorin der GFO und Mutter von sieben Kindern.

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