Ich schaff‘ das nicht mehr

Sibylle ist den Tränen nahe, als sie ihrer Freundin Franzi erzählt: „Weißt du, der Kleine ist furchtbar süß mit seinen fast zwei Jahren, aber ich muss ihn dauernd unterhalten, er braucht ständig etwas und ich komm‘ einfach zu gar nichts mehr.“ – „Oh je, du Arme! Mir ist es mit Yvonne ähnlich ergangen, sie konnte einfach überhaupt nicht warten und ist völlig ausgerastet, wenn ich nicht sofort für sie Zeit hatte“, erzählt Franzi. – „Und wann hat das wieder aufgehört?“, möchte Sibylle wissen. – „Hm…, wann hat das aufgehört?“, denkt Franzi laut nach. „Also eigentlich erst, als ich doch ausgehalten habe, dass sie eben schreit, wenn ich ihre Wünsche nicht sofort erfüllen konnte.“

Prinzipiell ist es wichtig, dass immer jemand für das Kind da ist, der seine Bedürfnisse erkennt und sie dann auch stillt. Anfangs kann ein Säugling noch nicht unterscheiden, ob er jetzt hungrig ist, Schmerzen hat, gelangweilt ist oder müde ist. Er fühlt sich einfach „unwohl“ und beginnt zu schreien. Anderskann sich ein Säugling nicht artikulieren. Er ist total auf die Bezugsperson angewiesen. Je älter das Kind jedoch wird, desto mehr lernt es gerade durch dieses liebevolle Umsorgt-Werden zu unterscheiden, was es braucht, und es versucht, selbst aktiv zu werden – zum Beispiel sich den Schnuller in den Mund zu stecken. Eltern sollten jetzt nicht mehr bei jeder kleinen Äußerung von „Unmut“ aufspringen und in Aktion treten. Das Kind darf ruhig ein bisschen jammern, bis es die Rassel auf der Decke vor sich endlich erreicht oder es schafft, sich selbst umzudrehen. Weinerliches Quengeln ist ja weiterhin die einzige Möglichkeit für den Säugling, auszudrücken, dass „etwas nicht passt“. Solange jemand – vielleicht mit ein paar liebevollen Worten – in der Nähe ist, ist es für das Kind viel besser zu erleben, dass es auch selbst etwas „schaffen“ kann, als immer sofort „bedient“ zu werden. Es ist viel befriedigender, selbst etwas zu erreichen, auch wenn es mühsam war, als alles „serviert“ zu bekommen. Ständige Überfürsorge macht Kinder letztlich hilflos. Sie haben nicht die Möglichkeit zu erleben, dass sie selbst auch etwas tun könnten. Ihre einzige Strategie, Unangenehmes abzuwenden oder Angenehmes zu erreichen, ist, die Erwachsenen durch Unmutsäußerungen zum Einschreiten zu bewegen. Je älter sie werden, auf desto forderndere Weise. Meist können sich solche Kinder auch kaum selbst beschäftigen – einfach, weil nie die Notwendigkeit dazu da war.

Sibylles Kleiner scheint sich an diese“Mamitis“ („meine Mami ist die Lösung für alles“) gewöhnt zu haben. Trotzdem kann er immer noch lernen, dass er zwar nicht mehr der Mittelpunkt der Welt ist, aber dafür selbst etwas kann. Sibylle könnte in einer konkreten Situation anfangen, den kleinen Liebling an das Warten zu gewöhnen – zum Beispiel bis sie eine Arbeit beendet hat; natürlich freundlich erklärend, aber bestimmt, und ohne sich durch das Protestgeschrei erweichen zu lassen. Meist beginnen Kinder nach ein paar Mal protestierender Enttäuschung, sich doch selbst zu helfen oder sich mit etwas zu beschäftigen. So ist beiden unendlich geholfen – der Mutter, die ihr Leben wieder, und dem Kind, das sein Leben erstmals selbst in der Hand hat.

Dr. Alexandra Schwarz ist Eltern- und Erziehungsberaterin,
Moderatorin der GFO und Mutter von sieben Kindern.


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