Warten auf das Christkind

Thomas räumt gerade den Geschirrspüler ein, während Iris die drei Kinder zu Bett bringt. Plötzlich hört er seinen Sohn Daniel wütend aufschreien: „Du bist so eine gemeine und blöde Mami“. Thomas eilt erstaunt Richtung Kinderzimmer und findet Daniel weinend in einer Ecke kauernd. „Daniel, ich möchte nicht, dass du so mit Mami sprichst. Was ist denn los?“, fragt Thomas seinen Sohn. – „Mami sagt, ich bekomme den Adventkalender, den Oma gebracht hat, noch nicht. Das ist so gemein. Ic h will den jetzt haben!“, schreit Daniel mit hochrotem Kopf.

Oft ist es für Kinder sehr schwer auszuhalten, etwas nicht oder erst später zu bekommen. Enttäuscht beginnen sie zu weinen oder wie Daniel, die Eltern zu beschimpfen. Übermannt von ihren Emotionen tauchen sie ein in Selbstmitleid oder Wut. Warten zu lernen muss genauso in kleinen Schritten gelernt werden wie alle anderen „soft skills“. Warten zu lernen ist ein Baustein zum Erwerb von Frustrationstoleranz. Darunter versteht man die Fähigkeit, mit Enttäuschungen oder unerwarteten Schwierigkeiten umzugehen. Diese Fähigkeit spielt später eine wichtige Rolle für den Erfolg in der Schule und für die soziale Kompetenz. Wer im Kindergartenalter gelernt hat zu warten, bis er an der Reihe ist, tut sich auch später leichter, bei komplexen Aufgaben nicht gleich aufzugeben. Deshalb ist es gut, sich die Wichtigkeit dieses Einübens im Warten-Können immer wieder vor Augen zu halten, um im Erziehungsalltag die passenden Gelegenheiten nicht zu versäumen.

Gerade im Advent bieten sich viele Möglichkeiten, das Warten spannend zu gestalten. Daniel könnte zum Beispiel einen besonderen Platz für Omas Adventkalender aussuchen und die Familie könnte besprechen, wann welches Kind „sein“ Türchen öffnen darf und was da wohl drinnen sein könnte. Die Zeit bis zu den Feiertagen soll aber ausgehalten werden, ohne dass eine Ersatzbefriedigung angeboten wird – „Schau, nimm ein Stück Schokolade und hör‘ auf zu schreien“. Daniel würde so den Eindruck bekommen, dass es wirklich schrecklich ist, auf den Kalender warten zu müssen, so dass man dafür ein Trostpflaster braucht. Auch das tägliche Lesen einer durchlaufenden Adventgeschichte stärkt einerseits den familiären Zusammenhalt, und gleichzeitig kann geübt werden, dass eben nur das für diesen Tag vorgesehene Kapitel gelesen wird und alle gemeinsam gespannt auf die Fortsetzung „morgen“ warten. Gemeinsames Keksbacken macht Kindern besonders Freude. Wenn die ganze Familie es schafft, dass nach einer kleinen Kostprobe die Kekse dann wirklich erst zu Weihnachten geschmaust werden, schmecken sie doppelt so gut.

Manchen Kindern fällt es schwer, die selbstgebastelten Geschenke für Oma und Opa oder für die Eltern bis zum Heiligen Abend „geheim“ zu halten und nicht doch bei der erstbesten Gelegenheit vorzeitig herzuschenken oder zu verraten. Auch das ist eine gute Übung, die mit der liebevollen Unterstützung eines Erwachsenen durchaus bewältigt werden kann. Es geht selbstverständlich nicht darum, Kinder einfach warten zu lassen, sondern darum, nicht bei jeder Äußerung eines Wunsches oder Unmuts sofort alles liegen und stehen zu lassen, um das Kind sofort zufrieden zu stellen. Oft findet ein Kind außerdem selbst Lösungen für seine Wünsche oder Probleme, wenn nicht sofort Erwachsene „parat“ stehen und Abhilfe schaffen. Das stärkt wiederum das Selbstvertrauen.

Dr. Alexandra Schwarz ist Eltern- und Erziehungsberaterin,
Moderatorin der GFO und Mutter von sieben Kindern.  

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