Wenn Kinder sich fürchten

Jeden Tag auf dem Weg zum Kindergarten muss die dreijährige Veronica am Nachbargarten vorbei, in dem eine sehr alte Hütte steht. „Da wohnt die böse Hexe!“, verkündet sie weinerlich und klammert sich fest an den Arm ihrer Mutter, die sie buchstäblich weiterzerren muss. „Hexen gibt es doch gar nicht. Du brauchst keine Angst haben.“, antwortet Karin, ihre Mutter, ob dieser täglichen Aufregung schon sehr ungeduldig.

Ängste gehören zum Leben dazu, sowohl bei Erwachsenen, als auch bei Kindern. Eine angstfreie Welt ist eine Utopie, und der Wunsch, sein Kind angstfrei zu erziehen, unerfüllbar. Dennoch müssen wir die Ängste unserer Kinder ernst nehmen und ihnen helfen, darüber hinweg zu kommen. Wenn ein Kind seine Angst artikuliert, ist sie bereits da. Sie soll weder überdramatisiert noch heruntergespielt werden. Rationalisierungen wie „Hexen gibt es nicht“ helfen dabei nicht. Aktives Zuhören, Anteilnahme und Verständnis sind ebenso förderlich, wie die Wichtigkeit, das Problem nicht für das Kind zu lösen, da es bei der Angstverarbeitung mitarbeiten soll. Auch wenn Karin mit ihrer Antwort versucht, Veronica die Angst zu nehmen, hilft es der Dreijährigen in dem Moment nicht; es besteht sogar die Gefahr, dass sie sich nicht ernst genommen fühlt. Kinder sind sehr kreativ und stecken voller Lösungsvorschläge, wenn man sie bei der Angstbewältigung unterstützt. Karin könnte z.B. sagen: „Ich merke, du gruselst dich vor der Hexe. Ich gehe mit dir gemeinsam vorbei, und später, wenn wir mehr Zeit haben, besprechen wir zusammen, was du machen kannst, um dich nicht mehr zu fürchten.“ Am besten helfen immer noch, mehr als viele leere Floskeln, nonverbale Gesten. Eine liebevolle Umarmung zeigt dem Kind sofort: „Ich bin für dich da!“ Karin kann Veronica im Moment der Angst den Arm um die Schulter legen und ihr damit zeigen, dass sie sie beschützt. Wenn sie in ihrer sicheren Umgebung zu Hause sind, kann Karin das Thema wieder aufgreifen und Veronica animieren, sich zu überlegen, was sie gemeinsam gegen die Angst vor der Hexe tun könnten.

Bei Kindern wird vieles durch Spielen verarbeitet. Beobachtet man Kinder beim Spiel mit ihren Stofftieren, kann man gut heraushören, was sie gerade beschäftigt, und vielleicht sogar schon eigene Lösungsansätze dazu. Ein weiteres hilfreiches Mittel, um über Ängste zu sprechen, kann das Vorlesen von Märchen oder Geschichten sein. Wenn ein Kind sein eigenes Thema in der Erzählung wiederfindet, kann es anhand dessen auch auf Ideen kommen, wie es sich der jeweiligen Angst stellen kann. Für das Heranwachsen und die Ausbildung von Selbstbewusstsein und einer Ich-Identität ist eine selbstbestimmte Verarbeitung und Bewältigung von Ängsten sehr wichtig. Dabei brauchen Kinder elterlichen Beistand, weil sie dadurch Sicherheit und Halt erfahren können. Sicher ist es oft gar nicht so leicht, den Kindern die Angstbewältigung zuzutrauen, doch je mehr wir ihnen vertrauen und zu-trauen, desto mehr Selbstvertrauen entwickeln sie auch.

Mag. Stefanie Jakesz ist Erziehungsberaterin  http://www.erziehungsberatungwien.at

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