Verschiedene Temperamente IV – das sanguinische Kind

Tommy kommt aus dem Garten mitsamt seinen Gummistiefeln in die Küche gerannt. Freudestrahlend überreicht er seiner Mutter Therese eine Tulpe, die er gleich mit der Zwiebel ausgerissen hat: „Mami! Für dich! Da gibt’s noch viele! Ich hol‘ noch eine für Papi!“ Schon ist Tommy wieder auf dem Weg nach draußen. Therese steht ratlos da und betrachtet die Erdspuren der Gummistiefel auf dem Küchenboden. „Eigentlich sollte ich mit ihm schimpfen – er darf nicht mit Gummistiefeln in die Wohnung. Aber er ist so lieb in seinem Eifer!“, überlegt Therese.

Tommy gehört wahrscheinlich zu den Kindern, die sich von spontanen Impulsen überrumpeln lassen. Er sieht die schöne Blume und möchte seiner Mutter eine Freude machen. In diesem Moment kommt es Tommy überhaupt nicht in den Sinn, über Gummistiefel und Schmutz nachzudenken. Er übertritt nicht wissentlich eine Regel, sondern wird mitgeri sen von der Idee, seiner Mutter Therese diese schöne Tulpe zu schenken. Solch ein impulsives Verhalten ist allgemein kennze ichnend für jüngere Kinder bis ca. vier Jahre. Später ist es besonders typisch für das sanguinische Temperament.

Sanguinisch veranlagte Kinder sind meist heiter, fröhlich, eifrig, gefühlvoll, lustig, enthusiastisch und ständig in Aktion. Sie lieben Späße, sind gerne das Zentrum der Aufmerksamkeit und lieben Gesellschaft. Sanguinisch veranlagte Menschen sind sehr darauf bedacht, zu gefallen, aber es ist ihnen auch wichtig, dass jeder in ihrer Umgebung glücklich ist – das bedeutet, dass sie eine starke soziale Ader haben. Andererseits lassen sie sich leicht entmutigen, wenn jemand mit ihnen missbilligend oder grantig ist. Das sollten besonders Eltern und Pädagogen berücksichtigen, weil so ein Kind durch negative Kommentare besonders leicht blockiert werden kann. Demnach wäre es auch für Therese nicht ratsam, sofort zurechtzuweisen, ohne vorerst anzuerkennen, dass ihr Sohn ihr eine Freude machen wollte. Therese könnte zum Beispiel nach Tommys abermaligem Abdampfen in den Garten bei der Wohnungstüre auf ihn warten, die Blume für Papi mit einem dicken Schmatz in Empfang nehmen und ihm freundlich erklären: „Das ist sehr lieb von dir, dass du Papi und mir eine Freude machen willst. Nächstes Mal könntest du mich rufen, dann helfe ich dir, so dass nicht alles schmutzig wird. Okay?“. Trotzdem muss Tommy auch lernen, Regeln zu beachten und seine Impulse zu kontrollieren. Ein sanguinisches Kind braucht daher Struktur und eindeutige Vereinbarungen sowie eine klare Führung. Das sanguinisch veranlagte Kind ist leicht ablenkbar und es fällt ihm schwer, bei einer Sache zu bleiben. Sein Durchhaltevermögen ist gering und es ist gefährdet, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und oberflächlich zu werden.

Geeignete Mittel, um mit Spaß und in Gesellschaft das Durchhaltevermögen und die Selbstüberwindung zu trainieren, sind zum Beispiel jede Teamsportart oder auch das Erlernen eines Musikinstruments in einer Gruppe. Denn das sanguinisch veranlagte Kind liebt es, mit jemandem etwas zu tun oder zu lernen. Daher sind auch Freunde sehr wichtig, und Eltern tun gut daran, dem Kind zu helfen, gute Freunde finden.

Dr. Alexandra Schwarz ist Eltern- und Erziehungsberaterin,
Moderatorin der GFO und Mutter von sieben Kindern.  

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