Die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen

Gerda ist mit ihren Kleinen auf dem Spielplatz. Während die drei fröhlich herumtoben, denkt Gerda angespannt an den geschäftlichen Termin heute abends. Da kommt Sonja angerannt: „Mami, Mami, wir wollen in die Sandkiste “ Gerda denkt an den Aufwand, die kleine Bande bis zum Eintreffen der Babysitterin sauber zu bekommen und antwortet zö- gerlich: „Lieber nicht, der Sand ist noch zu feucht !“. Daraufhin beginnen alle drei ihre Mama so lange zu bearbeiten, bis sie schließlich nachgibt. Zuhause wird dann alles ziemlich hektisch und obwohl die Kinder eigentlich ziemlich brav das Abendritual mitmachen, verliert Gerda die Nerven als Willi versehentlich ein Glas umschüttet: „Kannst du nicht aufpassen! Zuerst der ganze Dreck von der Sandkiste und jetzt das noch!“

Manchmal graben sich Eltern mit ihrem gut gemeinten Nachgeben gegenüber den Wünschen der Kinder eine „Grube“, in die sie später „reinfallen“. W orin besteht diese Grube? Gerda hat eigentlich zwei Gründe, warum sie nicht m öchte, dass die Kinder heute in der Sandkiste spielen: erstens muss sie abends rechtzeitig fertig sein, was mit mehr Schmutz schwieriger ist, und zweitens ist sie ohnehin schon angespannt und möchte daher keine zusätzliche Belastung. Trotzdem traut sie sich nicht wirklich, zu diesem persönlichen Bedürfnis zu stehen, und sendet ihren Kindern schon von Anfang an eine unklare Botschaft: „lieber nicht“, die den eigentlichen Grund nicht erwähnt. Die Kinder spüren sofort, dass da noch Verhandlungs spielraum ist und beginnen zu betteln. So erlaubt Gerda etwas, hinter dem sie gar nicht steht und was sie eigentlich vermeiden wollte. Möglicherweise staut sich in ihr im Laufe des Nachmittags Ärger über sich selbst auf, der sich später an den Kindern ungerechtfertigter Weise entlädt.

Gerda wirft den Kindern abends genau den „Dreck“ vor, den sie zwar schon vorausgesehen, aber letztendlich doch „bewilligt“ hat. Dieser Mechanismus entsteht immer dann, wenn Eltern für ihre Kinder über ihren Schatten springen und das aber nicht durchhalten können. Aufgestaute Wut und ungerechte Vorwürfe gegen die Kinder können die Folge sein. Kleine Kinder werden dadurch leicht verunsichert oder auch aggressiv. Wenn Eltern sich in vielen Situationen so verhalten, gehen die Kinder mit der Zeit in Opposition und nehmen ihre Eltern nicht mehr ernst. Daher ist es wichtig, sich selbst, seine Begrenzungen und auch seine Bedürfnisse besser kennen zu lernen und zu ihnen zu stehen. Überlegen Sie als Eltern, in welchen Situationen Sie mehr auf sich selbst achten sollten und wann die Kinder Vorrang haben müssen. Eltern müssen ihren Kindern nicht immer jeden Wunsch erfüllen. Gerda könnte einfach sagen: „Tut mir leid, Kinder! Heute habe ich noch einen wichtigen Termin. Da muss ich pünktlich sein und das ist mir zu stressig , wenn ihr ganz voller Sand seid.“ Dieser Umgang mit sich selbst und seinen Bedürfnissen ist ein wichtiges Erziehungsfeld.

Kinder müssen lernen, dass man nicht immer allen alles recht machen kann und dass man auch „Nein“ sagen darf. Deshalb ist es für Kinder hilfreich zu erleben, dass auch Eltern persönliche Grenzen und Wünsche haben und diese artikulieren. Dies ist für den Umgang mit ihren eigenen Freunden enorm wichtig. Kinder sollen einerseits lernen, sich selbst wahrzunehmen und sich anderen mitzuteilen und andererseits auch sich abzugrenzen und zu verteidigen. Selbstverständlich ist es ebenso wichtig, dass Kinder ihre Eltern auch erleben, wenn sie einmal gerne ihre eigenen Bedürfnisse zurückstecken, um einander oder ihren Kindern eine Freude zu bereiten und füreinander da zu sein. Beides sollte vorgelebt und geübt werden.

Dr. Alexandra Schwarz ist Eltern- und Erziehungsberaterin,
Moderatorin der GFO und Mutter von sieben Kindern.  


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