Die GFO Fallmethode
Die Fallmethode und die Fallmoderation
Theoretische HintergründeDie Fallmethode
Die Fallmoderation
DIE FALLMETHODE UND DIE FALLMODERATION IN DEN ELTERNSEMINAREN DER GFO
I. ELTERNSEMINARE DER GFO UND DIE FALLMETHODE
II. DIE FALLMETHODE
A. GESCHICHTE
B. BESONDERHEITEN DER FALLMETHODE
C. DER FALL
D. DER THEORETISCHE HINTERGRUND
III. DIE TEILNEHMER
A. DAS STUDIUM DES FALLES UND DES THEORETISCHEN HINTERGRUNDES
B. WORTMELDUNGEN WÄHREND DES SEMINARABENDS
IV. DER MODERATOR 9
1. Weitläufige Kenntnis der im Fall angesprochenen Fragen
2. Gemeinsames Studium mit Moderatoren des gleichen Falles
3. Koordination unter den Moderatoren eines Elternseminars
1. Der Dialog hat immer Vorrang
2. Die Ordnung in der Diskussion soll immer bestehen bleiben
3. Der Moderator ist direktiv in der Form, aber nicht direktiv im Inhalt
4. Der Moderator steht den Teilnehmern des Seminars zur Gänze zur Verfügung
I. Elternseminare der GFO und die Fallmethode
Die Elternseminare der GFO verwenden eine Abwandlung der klassischen Fallmethode. Das klassische Schema der Fallmethode wird in den Elternseminaren der GFO mit folgenden Änderungen übernommen:
1. Die Unterlagen des Kurses werden komplett zu Beginn des Kurses den Teilnehmern übergeben.
2. Dem Seminarabend gehen Treffen in kleinen Arbeitsgruppen voraus, in denen der vorgegebene Fall unter der Anleitung der Gruppenleiter bearbeitet wird.
3. Zu jedem Fall gibt es einen theoretischen Hintergrundbericht, der die wissenschaftlichen Hintergründe der behandelten Themen hinterfrägt.
II. Die Fallmethode
A. Geschichte
Die Fallmethode wurde an der Harvard Universität erfunden. Erstmals wurde sie 1914 in den Kursen der Rechtswissenschaft eingesetzt. Seit dem zweiten Weltkrieg hat sie sich auch rasant in Europa verbreitet.
Heute wird die Fallmethode in einer Vielzahl von Lehrinstituten eingesetzt und findet - in unterschiedlichem Ausmaß - ihren Einsatz bei diversesten Themen und unter den verschiedensten Umständen.
Bei aller Variabilität blieb aber der Fall als eine kurze Beschreibung einer Situation oder einer zu fällenden Entscheidung das zentrale Element der Methode. Dieser Fall wird von der Gesamtheit der Teilnehmer in einer Arbeitssitzung bearbeitet.
B. Besonderheiten der Fallmethode
Klassischerweise unterscheidet man aktive und passive Lernmethoden.
Passive Lernmethoden erreichen einen Zuwachs an Kenntnissen primär auf dem Wege der Kommunikation. Ein Lehrer, ein Buch, etc. vermitteln das notwendige Wissen. Im Gegensatz dazu führt bei aktiven Lernmethoden die eigene Entdeckung zur besseren Kenntnis einer Materie.
Abbildung 1: Lernziele und -methoden
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Ziele |
Prozeß |
Methodologie |
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Wissen ("Know")
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Fakten erwerben
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Passive Lernmethoden(Vorträge, Diskussionen, Lektüre, ...)
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Fähigkeiten ("How")
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Handlungen üben
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Aktive Lernmethoden(Fallstudien, Übungen, ...)
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Haltungen ("Want")
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Willen stärken
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Team Work(Gruppendynamik)
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Neben diesem zentralen Aspekt regen aktive Lernmethoden zum eigenen Denken und Erfahren an. Neue Ideen werden durch das Subjekt, durch die richtige Entscheidung einer Person entwickelt.
Dadurch entwickelt sich eine Gewohnheit, aus der heraus man entscheiden und handeln kann, auch in Momenten in denen eine klare Abwägung der Gegebenheiten nicht mögliche sein wird.
Die Verwendung der Fallmethode hat ihre große Bedeutung vor allem in Gebieten der menschlichen Entscheidungsfindung, in denen die Subjektivität größere Bedeutung einnimmt. Darum auch der große Nutzen, den die Fallmethode für die Elternseminare der GFO darstellt.
Die Fallmethode, die bei den Elternseminaren zur Verwendung kommt, ist also wahrlich eine aktive Methode. Das Studium des Falles gibt Gelegenheit zur Analyse, zur Diagnose und zur Suche möglicher Alternative für Lösungen der vorgetragenen Probleme. Das Ziel besteht darin, die zugrundeliegenden Ursachen einer bestehenden Situation besser zu verstehen und die Wurzeln menschlicher Verhaltensweisen aufzudecken.
Mit dieser Methode werden die Teilnehmer dazu angeregt, konkrete Lösungen für angesprochene Probleme vorzubringen. Dies verursacht eine Änderung im Zugang zu Problemen auch im Alltag der Teilnehmer. Änderungen, die aufgrund einer tiefergehenden Reflexion über die Problematik zustande kommen.
Um die eigentlichen Früchte dieser Lernmethode auszunützen bedarf es einer aktiven Teilnahme aller Teilnehmer. Die Effizienz der Methode besteht im Entdecken neuer Ideen aufgrund einer gemeinschaftlichen Lösung einer Problemsituation, die eine offene Mentalität erfordert.
Die Fallmethode fördert die Anwendung des erworbenen Wissens und der erworbenen Techniken: sie werden im rechten Moment zur Anwendung gelangen. Sie fördert ein ausgewogenes Urteil, das sich nicht auf Emotionen stützt. Sie lehrt die Unterscheidung von prekären Situationen, indem die positiven und negativen Folgen abgewogen werden können und schon vorher abgeschätzt werden kann, wohin sich die Situation entwickelt. Die Bildung, die man durch die Fallmethode erhält, dreht sich nicht um die konkrete Lösung persönlicher Probleme, sondern vielmehr um einen neuen Zugang zur Lösung familiärer Probleme. Es entwickelt sich eine neue Gewohnheit in der Entscheidungsfindung durch eine ausgewogenere Analyse und Diagnose der eigenen familiären Situation.
Dies sind die wesentlichsten Gründe für die Effizienz der Fallmethode, die jedoch noch verstärkt werden durch folgende Beobachtungen:
1. Die Arbeit in der Gruppe und die Interaktion mit anderen Teilnehmern stellen auch ein Übungsfeld für die eigenen menschlichen Tugenden dar.
2. Die Teilnehmer der Elternseminare finden die Fallmethode gewöhnlich viel interessanter als ein Frontalseminar oder ein Lehrbuch.
C. Der Fall
Der Fall präsentiert eine konkrete Situation, aus der Details und Anekdoten erzählt werden, die die notwendigen Fakten für die Ergründung des Problems darstellen. Durch die dargestellten Meinungen oder Verhaltensweisen gelangt man zu einer fundierten Analyse der Situation, der Diagnose der Probleme und dem Erstellen mehrerer Alternativen für Lösungsansätze.
Die Beschreibung der Situation, die mitunter sehr einfach ausfallen kann, unterbricht genau am Punkt, an dem sich eine Entscheidung stellt, oder bei dem Handlungen gefordert sind. Dadurch werden den Teilnehmern der Seminare nicht nur Analysen und Definitionen von Problemen und Fakten abverlangt, sondern in erster Linie fordert der Fall zu einer Stellungnahme, einer Entscheidung oder einem Aktionsplan auf.
Diese Methode läßt sich natürlich am leichtesten bei gutgeschriebenen Fällen anwenden. Ein Fall umfaßt im wesentlichen folgende Elemente:
1. Die beschriebenen Situationen müssen aktuelle Themen und wahre Begebenheiten beschreiben.
2. Die redaktionelle Bearbeitung soll ansprechend und übersichtlich erfolgen.
3. Die beschriebenen Probleme müssen das Interesse der Teilnehmer wecken.
4. Sowohl die angesprochenen Probleme, als auch die Schreibweise sollen den Dialog fördern.
D. Der theoretische Hintergrund
Jedem Fall liegt ein technischer Hintergrundbericht bei. Dieser Bericht dient der Unterstützung der Teilnehmer bei der Beantwortung der sich stellenden Fragen. In knappen Worten sollen diese Hintergründe dem Leser das Verständnis pädagogischer Konzepte erleichtern und Kriterien für die Entscheidungsfindung geben.
Neben den Hintergrundberichten dürfen auch die bibliographischen Hinweise nicht vergessen werden, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik ermöglichen sollen.
III. Die Teilnehmer
Die Teilnehmer an den Seminaren der GFO tragen eine spezifische Rolle, die in der Folge behandelt werden soll:
A. Das Studium des Falles und des theoretischen Hintergrundes
Die Fallmethode erfordert von den Teilnehmern ein intensives Studium des Falles - im Gegensatz zu passiven Lernmethoden.
Um die Argumente und Urteile der anderen Teilnehmer zu verstehen und seine eigenen Einwürfe vorzubringen, muß jeder Teilnehmer den Fall vorbereitet haben. Diese Vorbereitung beinhaltet das individuelle Studium genauso wie das gemeinsame Studium als Ehepaar und in der Arbeitsgruppe. Daher leitet sich auch die Wichtigkeit dieser Arbeitstreffen ab, die dazu dienen, die eigenen Argumente zu schärfen und seine eigenen Ideen vor der Seminarrunde zu "erproben".
Abbildung 2: Phasen des Fallstudiums
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Phase |
Studium |
Zeitaufwand |
Prozesse |
Ergebnisse |
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I
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Individuell
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30 min
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Fakten, Probleme, Lösungen
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Überdenken der eigenen Familiensituation
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II
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Als Ehepaar
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60 min
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Diskussion, Fakten, Probleme, Lösungen
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Kennenlernen anderer Meinungen und Ideen
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III
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Seminarabend
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90-120 min
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Diskussion, Debatte, Motivation, theoretische Grundlagen
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Vielzahl von Lösungen, neue Haltungen und Fähigkeiten
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IV
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Aktionsplan
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30 min
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konkrete Pläne für die eigene Erziehungsarbeit
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Konkrete Ziele
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V
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Umsetzung in der Familie
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immer
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tägliche Verbesserung der Erziehungsarbeit
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Freie und verantwor-tungsbewußte Kinder
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Der wichtigste Teil der Fallmethode bei den Elternseminaren der GFO besteht im gemeinsamen Fallstudium des Ehepaares, das nicht nur Gelegenheit bietet, Meinungen und Ideen des Ehepartners kennenzulernen und zu diskutieren, sondern auch einen Motor für die eheliche Kommunikation bei der Lösung anstehender Probleme darstellt.
Zusätzlich ermöglicht dies gerade eher schweigsamen Teilnehmern im Rahmen einer kleineren, familiäreren Gruppe ihre Meinungen kundzutun.
Dieser konkrete Aspekt der Fallmethode hat aber nicht zum Ziel, zu einer einheitlichen Meinung in der Arbeitsgruppe zu kommen. Jeder Teilnehmer ist nach wie vor für seine Ideen verantwortlich, die er in den Seminarabend einbringt. Es sollte daher kein Sprachrohr der Gruppe bestimmt werden, das diese Konsensmeinung vorbringt, sondern jeder Teilnehmer sollte seine Ideen auch während des Seminarabends entwickeln.
B. Wortmeldungen während des Seminarabends
Die Diskussion und Debatte während des Seminarabends hat die Bereicherung der einzelnen Teilnehmer in den konkreten Aspekten des abends zum Ziel. Jede Wortmeldung ist daher ein Mittel zum Erreichen dieses Ziels. Trotzdem sollte man im Auge behalten, daß auch die schweigsamen Teilnehmer an Seminarabend teilnehmen, indem sie den Beiträgen der Anderen zuhören und sich so ihre eigene Meinung bilden. Zu gleichen Teilen besteht daher der Lernerfolg der Fallmethode im Vorbringen eigener Argumente wie im Abwägen der Argumente der anderen Teilnehmer. Jedoch sollte versucht werden, jeden Teilnehmer zu einer aktiven Teilnahme zu bewegen, da nur so die eigenen Gedanken artikuliert werden.
Jeder Fallabend ist einzigartig und bringt neue Aspekte ans Tageslicht - auch für den Moderator. Der Seminarabend stellt aber vor allem für die Teilnehmer eine neue Situation dar, die nur er selbst auskundschaften kann. Diese Erfahrung kann von niemandem weitergegeben werden, der nicht selbst aktiv an einem Fallabend teilnimmt. Daraus ergeben sich zwei Folgerungen:
1. Die Fallmethode verlangt nach der größtmöglichen aktiven Teilnahme im Rahmen der Falldiskussion.
2. Der Moderator kann nicht die Problemlösung des Falles für die Teilnehmer durchführen. Dies würde zum Verlust des Interesses der Teilnehmer führen und der Lernerfolg wird sich nicht einstellen.
Die Beachtung dieser Regeln führt zum Aufbau einer Vertrauensbasis zwischen den Teilnehmern und dem Moderator und erlaubt erst die Öffnung der Debatte.
IV. Der Moderator
In der Fallmethode kommt dem Moderator die Rolle des Führers des Seminarabends zu. Von seinem Geschick hängt ein Großteil des Erfolgs des Programms ab.
A. Vorbereitung des Falles
Ohne Zweifel muß der Moderator die Fallmethode bestens beherrschen. Dieses pädagogische Instrument soll in seiner vollen Effizienz und Präzision eingesetzt werden. Eine genaue Kenntnis der Methode ist daher unumgänglich.
Für die Vorbereitung eines Falles gibt es keine Universallösung. Einige Ratschläge aus der Erfahrung können aber sehr hilfreich sein:
1. Eine erste schnelle Lektüre soll folgende Fragen beantworten: Wovon handelt der Fall? Welche Information ist relevant? Wo liegt die interessanteste Information?
2. In einer zweiten Lektüre sollen die wichtigsten Fakten hervorgehoben werden. Am Ende dieser zweiten Lektüre sollte die folgende Frage anstehen: Was sind die Probleme, die gelöst werden müssen?
3. Die Schlüsselprobleme sollen notiert werden und die wichtigsten Überlegungen des Falles herausgeschrieben werden.
4. Eine Liste von alternativen Lösungsvorschlägen wird erstellt, die einer Liste von Kriterien gegenübergestellt werden, die die Auswahl des Lösungsvorschlages ermöglichen.
5. Eine Reihe von Empfehlungen zu den Problemen des Falles wird erstellt, die auf der Analyse des Falles aufbaut.
Die Vorbereitung eines Falles schließt aber nicht nur die genaue Kenntnis des Falles und der Fallmethode ein, sondern folgende Aspekte müssen ebenfalls Beachtung finden:
1. Weitläufige Kenntnis der im Fall angesprochenen Fragen:
Während der Falldiskussion kommen alle persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Probleme, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem Fall stehen, zur Sprache. Jede Information die man dazu aus Büchern, Zeitschriften, etc. bekommen kann, ist daher dienlich für die Moderation des Falles.
2. Gemeinsames Studium mit Moderatoren des gleichen Falles
Ein Austausch der Gedanken über den Fall der Moderatoren, die den gleichen Fall moderieren, verhilft zu einer vertieften Kenntnis der Problematik. Neue Aspekte und Kriterien helfen dem Fall neue Wendungen und Einsichten zu verleihen.
3. Koordination unter den Moderatoren eines Elternseminars
Eine Koordination der Moderatoren der verschiedenen Fälle eines Kurses ermöglicht eine bessere Abstimmung der zu erreichenden Ziele und verbessert die Konzentration auf Hauptlernpunkte der einzelnen Seminarabende.
B. Die Moderation des Seminarabends
Die Moderation des Abends ist die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe des Moderators.
Folgende generellen Ratschläge sollten beachtet werden:
1. Der Dialog hat immer Vorrang
Die Fallmethode erreicht ihr Ziel der Aneignungen von Kenntnissen durch die eigene Entdeckung. Die Teilnehmer bestärken einander durch einen methodischen Dialog über Fakten, Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, menschliche Handlungen und Situationen. Dieser Dialog basiert auf der Analyse und der Synthese, die schließlich zu einer Entscheidung führt.
In den Programmen der GFO wird versucht mittels der Fallmethode die geeigneten Rahmenbedingungen für einen Wandel der Haltungen zu schaffen. Dies geschieht nicht durch das Vermitteln pädagogischer Techniken, sondern als Folge der persönlichen Entdeckungen, die zur Änderung des eigenen Lebens Anstoß geben.
Der Moderator muß daher eine Atmosphäre des Dialogs schaffen, der den Austausch von Ideen fördert. Die Teilnehmer sollen daher:
· alle sprechen und den anderen zuhören
· sich ihren Teil denken
· eigene Ideen beitragen
· zuhören lernen
· ihrem Urteil und ihrem Wissen vertrauen
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß der Moderator primär Situation des Dialogs schaffen muß, um die Entdeckung neuer Ideen und deren Umsetzung in Haltungen zu ermöglichen. Der Moderator soll daher auf alle Fälle vermeiden:
· einen vorgegebenen Weg einzuschlagen
· die Meinungen der Teilnehmer systematisch zu kritisieren
· eigene Urteile aufzuzwingen
· Gruppenbildungen zuzulassen
· seine Aufmerksamkeit nur einigen Teilnehmern zu widmen
· auf alle Fragen selbst zu antworten
· den Seminarabend überzubewerten
· jede Art von Improvisation
· jede Überheblichkeit
· Antworten herabzusetzen
2. Die Ordnung in der Diskussion soll immer bestehen bleiben
Unter den teilnehmenden Gruppen ergeben sich zwei Dimensionen: die kognitive und die sozio-emotionale.
Die kognitive Dimension umfaßt im wesentlichen das Argumentieren und trägt damit zur Analyse und zur Lösungsfindung bei.
Die sozio-emotionale Dimension beinhaltet alle Gefühle und Emotionen, wie zum Beispiel die Beziehungen unter den Teilnehmern, die - im Positiven oder Negativen - die kognitive Dimension beeinflussen können.
Im Sinne der kognitiven Dimension kann man die Arbeitsgruppe als ein "kollektives Gehirn" betrachten, das neue Ideen und Empfehlungen mit einer überlegenen Effizienz entwickelt. Um diese Bestrebungen in die richtige Richtung zu treiben, bedarf es der Anweisungen des Moderators, um den Denkprozeß stufenweise abzuwickeln und eine bessere Einsicht in die Inhalte des Falles zugeben.
Der Verantwortungsbereich des Moderators liegt daher primär in folgenden Punkten:
a) Hilfestellung beim methodischen Denken
b) Sicherstellung der guten Beziehungen unter den Teilnehmern
Der erste Verantwortungsbereich bedarf der schrittweisen Betrachtung des mentales Erkenntnisprozesses, der wie folgt abläuft:
1. Analyse der relevanten Fakten, die den Erzählbogen des Falles bilden
2. Definition der vorrangigen Fragen und Probleme des Falles
3. Bestimmung der Kriterien, die zur Beurteilung herangezogen werden
4. Erstellung von Alternativen
5. Analyse der Alternativen unter dem Licht der Kriterien
Der zweite Verantwortungsbereich umfaßt die Aufrechterhaltung der Diskussion, die erreicht wird durch das vermeiden folgender Entwicklungen:
1. Die Ausübung eines mehrheitlichen sozialen Drucks auf eine Minderheit der Gruppe
2. Die Überzeugungskraft der Wiederholung desselben Argumentes für einen einzige Alternative
3. Das Dominieren einzelner Persönlichkeiten
4. Die Politisierung oder Ideologisierung der Debatte
5. Der Negativismus, also das Überhandnehmen negativer Beurteilungen, die zu einer Situation führen können, in der keiner keinem zuhört.
Diese Moderationsarbeit läßt sich natürlich leichter handhaben, wenn sich der Moderator mit dem Gruppenkoordinator über die Eigenheiten der Gruppe und ihrer Mitglieder unterhält.
3. Der Moderator ist direktiv in der Form, aber nicht direktiv im Inhalt
Einer der meistdiskutierten Aspekte der Fallmethode ist das Ausmaß der Einflußnahme des Moderators auf die Diskussion.
Diese Frage wird von den verschiedenen Institutionen, die sich der Fallmethode bedienen, unterschiedlich beantwortet, je nach den wissenschaftlichen und pädagogischen Notwendigkeiten.
In den Programmen der GFO wird die klare Unterscheidung zwischen den Inhalten und der Form der Debatte hochgehalten. Diese fordert vom Moderator die Fähigkeit, die Diskussion zu leiten ohne den geringsten Grad der Einflußnahme auf die vorgebrachten Argumente und Lösungen. Dies läßt sich auf die oben angeführten Formel "Direktiv in der Form, aber nicht direktiv im Inhalt" bringen.
Die Entfaltung dieser Formel erlaubt jedoch folgende Hinweise für die Moderatoren:
Der Professor hat kein Recht …
- eine Meinung über den Fall zu äußern.
- das Gefühl zu erzeugen, er habe noch eine Lösung im Köcher, die zum geeigneten Zeitpunkt verwendet werden wird.
- der Meinung eines Teilnehmers - offen oder verhalten - zuzuneigen.
-
mit den Teilnehmern der Gruppe über eine Ansicht zu streiten.
-
die Meinungen Anderer zu manipulieren. Dies erzeugt nur Opposition.
Diese Neutralität im Bezug auf den Inhalt des Falles heißt aber nicht …
- Indifferenz gegenüber den Teilnehmern, ohne eine bestimmte Diskussion zu fördern.
- Indifferenz gegenüber den vorgebrachten Meinungen, ohne das Verständnis zu suchen oder sie neu zu formulieren.
- die Gruppe sich selbst überlassen.
Im Gegenteil muß der Moderator die Gruppe mit Bestimmtheit leiten, jedoch nicht, wohin er selbst glaubt gehen zu müssen, sondern wohin die Gruppe gehen möchte.
Der Moderator weiß um die Ziele des Falles, aber er weiß nicht um die Wege, die die Gruppe einschlagen will, um diese Ziele zu erreichen.
Daher soll der Moderator …
-
jeden Allgemeinplatz vermeiden.
-
jede Beurteilung durch seine Moderation ausschließen.
-
mit seiner Sprache, seinem Ton, seiner Gestik und seinen Blicken niemals den Eindruck einer persönlichen Meinung oder die Beurteilung einer anderen Meinung aufkommen lassen.
-
jede Meinung der Gruppe gelten lassen, ohne eine der anderen vorzuziehen.
-
systematisch jede vorgebrachte Meinung wiederholen und neu formulieren und sie dann den Teilnehmern zur Beantwortung vorlegen.
-
sich nicht auf persönliche oder familiäre Umstände beziehen.
Allerdings muß im Bezug auf die Form der Diskussion die absolute Autorität des Moderators immer bestehen bleiben:
-
Er vergibt das Wort in der Diskussion.
-
Er sorgt für die Einhaltung einer einzigen Diskussion und unterbindet die Entstehung von Kleingruppen.
-
Er unterbindet die Auflösung der Diskussion in kleine Gruppen.
-
Er verkürzt Abschweifungen, die sich nicht auf den Fall beziehen.
-
Er hört nicht nur, sondern er hört aktiv zu, indem er sich in die Schuhe der Teilnehmer versetzt und deren Argumente und Gefühle zu verstehen versucht.
-
Er verhindert, daß sich jemand in die Defensive begibt, indem er ihn dazu auffordert, seine Gedanken zu entwickeln. Falls sich jemand auf den Vorschlag eines Teilnehmers negativ einschießt, bittet er ihn, zuerst die positiven Aspekte hervorzuheben und erst dann das Negative zu benennen.
-
Er bemüht sich um eine Abstimmung der Wortmeldungen und der Arbeit am Fall. Im Falle von sehr gesprächigen Teilnehmern vermeidet er den direkten Augenkontakt, wenn er Fragen in die Runde stellt. Ruhige Teilnehmer versucht er durch den Blickkontakt zu einer Wortmeldung einzuladen.
-
Er erzählt Anekdoten, um das Verständnis der Gesichtspunkte der Teilnehmer zu erleichtern.
-
Wiederholt und klärt das Gesagte, um allen zu helfen der Debatte zu folgen.
-
Er schreibt auf der Tafel (oder anderen Hilfsmitteln) für alle leserlich; die niedergeschriebenen Worte und Ausdrücke unterstützen ihn und die Teilnehmer, um beim Thema der Diskussion zu bleiben.
-
Er unterstreicht die einzelnen Phasen der Diskussion: Faktensammlung, Probleme, Lösungen.
-
Er hebt die Diskussionspunkte heraus: löst unklare Begriffe auf, um eine einheitliche Sprache der Gruppe zu gewährleisten.
-
Er ist für die Zeiteinteilung der Diskussion verantwortlich.
-
Er faßt im Laufe der Diskussion die wichtigsten Punkte zusammen und gibt am Ende der Diskussion eine Synthese der von der Gruppe erarbeiteten Lösungen.
4. Der Moderator steht den Teilnehmern des Seminars zur Gänze zur Verfügung
Diese Verfügbarkeit drückt sich primär im pünktlichen Beginn und dem pünktlichen Abschluß der Seminarabende aus.
Auch geschieht es häufig, daß sich der Moderator nach dem Abschluß der Falldiskussion mit einzelnen Teilnehmern unterhält, um weitere Klärung in Detailfragen anzubieten oder in der Lösung eines persönlichen oder familiären Problems behilflich zu sein. Um diese Kommunikation zu ermöglichen, soll der Moderator nach der Diskussion im Seminarraum verbleiben, um den Fragen und Sorgen der Teilnehmer Antworten geben zu können.
