Die Sache mit dem „Neiiin!!!“

„Das gibt’s ja nicht! Zehn nach 7:00 Uhr und du bist immer noch nicht angezogen!“, stöhnt Karin und spürt die Wut in sich hochsteigen,wenn sie den bald 4-jährigen Manuel in der Unterhose neben seiner Kleidung ein Buch durchblättern sieht. „Ich zieh den roten Pulli nicht an und ich will die Hose mit dem Auto!“, verteidigt sich der Kleine. Karin zeigt auf die 5-jährige Mira und zischt zurück: „Schau mal – deine Schwester ist schon fertig angezogen. Sie zieht einfach an, was ich ihr hingelegt habe und mit dir ist es fast jeden Tag dasselbe Theater!“

Den Willen Ihres Kindes zu erziehen ist eine der wichtigsten – und vielleicht auch eine der schwierigsten – Aufgaben der Eltern. Das Kind soll in kleinen Schritten über viele Jahre hinweg lernen, selbstständig und verantwortungsvoll Entscheidungen zu treffen und sein Leben schließlich selbst zu meistern. Der Anfang ist gesetzt, wenn am Beginn des Trotzalters ungefähr um das zweite Lebensjahr plötzlich aus dem süßen Mäuschen ein „Neiiin!!!“ mit zwei Beinen wird. Es gibt Kinder wie Manuel, die schnell ihren Willen kundtun und gerne und sicher selbst entscheiden. Auf der anderen Seite tun sie sich dann aber meist schwer damit, sich an Regeln zu halten. Hier ist es hilfreich, wenn die Eltern sehr klar sind und dem Kind Wahlmöglichkeiten bieten und dann die vom Kind getroffene Entscheidung auch einfordern. Für Mira hingegen scheint es kein Problem zu sein, einfach das anzuziehen, was ihr Karin hinlegt. Vielleicht ist es ihr nicht wichtig, sich ihre Kleidung selbst auszusuchen. Es könnte aber auch sein, dass sie es sich selbst gar nicht zutraut, „so gut zu wählen wie Mami“. In diesem Fall wäre es für Mira wichtig, immer wieder in einem altersadäquaten Rahmen zu eigenen Entscheidungen ermutigt zu werden, um Schritt für Schritt Selbstsicherheit zu erwerben.

Im Kindergartenalter gibt es viele Bereiche, die Übungsfelder für solche Entscheidungen der Kinder sein können.Fragen wie die Folgenden könnten Mira helfen: „Welche Marmelade möchtest du auf’s Brot?“; „Möchtest du einen Apfel oder eine Banane als Jause?“; „Sollen wir auf den Spielplatz mit der Sandkiste oder auf den mit der langen Rutsche gehen?“; „Möchtest du zuerst die Autos einräumen oder zuerst die Bauklötze?“

Zurück zu Manuel: Manuel könnte zum Beispiel immer abends unter Karins Anleitung selbstständig aus drei Hosen und zwei Pullis sein Gewand für den nächsten Tag auswählen und vorbereiten. Wenn er es dann morgens tatsächlich schafft, schnell angezogen zu sein, hat er eventuell noch Zeit beim Aufdecken zu helfen, wenn ihm das – so wie vielen Kleinkindern – Freude bereitet. So hat er einen zusätzlichen Ansporn.

Wenn Kinder lernen sollen, Entscheidungen zu treffen, ist es notwendig, den Rahmen für die möglichen Optionen genau abzustecken. Wichtig ist, dass klar ist, welche Pullis zur Wahl stehen oder dass beim Frühstück aus jenen Marmeladen gewählt werden kann, die bereits am Tisch stehen. Gleichzeitig ist es für das Kind wichtig zu lernen, auch zu seiner getroffenen Entscheidung zu stehen und den gewählten Pulli am nächsten Tag auch tatsächlich anzuziehen oder das Brot mit der gewünschten Marmelade wirklich zu essen. Hier brauchen Eltern viel Geduld, um fest zu bleiben. Kontinuierlich können Sie als Eltern diesen Rahmen vergrößern und ihren Kindern schrittweise immer mehr Verantwortung übergeben. Wenn Eltern ihre Kinder altersadäquate Entscheidungen selbst treffen und sie für diese Wahl auch die Verantwortung selbst übernehmen lassen, ist die Grundlage für eine gelungene Erziehung im Bereich des Willens des Kindes in den verschiedenen Altersstufen gelegt. Das Kind wird Selbstvertrauen tanken und in seiner Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden.

Dr. Alexandra Schwarz ist Eltern- und Erziehungsberaterin,
Moderatorin der GFO und Mutter von sieben Kindern.

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